Buddy auf dem Jakobsweg


Hallo!


Ich bin Buddy, ein zweijähriger Border Collie. 

Seit Oktober 2016 ist mein Zuhause der Gut Neuhof bei Nicole, Nina und Fritz in Alpenrod.


 

Bis vor etwa einer Woche habe ich dort meinen Alltag damit verbracht, Pferdebesitzer und ihre Hunde bei Ausritten zu begleiten, die Einsteller, das Stallpersonal und nicht zuletzt Frauchen und Herrchen mit meinem roten Ball auf Trab zu halten und mir von allen schön den Pelz kraulen zu lassen. 

Einer meiner Lieblingsmenschen ist Oli, der Freund von Nina. Oli träumt schon seit einigen Jahren davon, den Jakobsweg in Spanien zu laufen. Anfang des Jahres entschied er, dass es dieses Frühjahr soweit sein sollte. Damit er 6 Wochen ohne Frauchen Nina nicht einsam wird, schlug er vor, mich auf diese Reise mitzunehmen. Als Border Collie bin ich sehr aktiv und lange Strecken machen mir überhaupt nichts aus. Ganz im Gegenteil: Ich liebe ausgedehnte Spaziergänge und Wanderungen! Daher gelang es uns schnell, Frauchen Nina davon zu überzeugen. Gesagt, getan! In den folgenden Wochen plante und organisierte Oli alles. Er besorgte uns beiden einen geeigneten Rucksack (Ja, richtig gehört - ich habe sogar meinen eigenen Rucksack bekommen!), Reisenäpfe, ein neues schickes Halsband und alles weitere was dazu gehört. Auch einen GPS-Tracker habe ich bekommen. „Damit du nicht verloren gehst!“ wurde mir gesagt… -ich glaube ja viel mehr, dass Frauchen Nina, wenn sie schon nicht mitkommen kann, zumindest immer weiß wo ich mich gerade herumtreibe…oder Oli. 


Die ersten Rucksack-Härtetests

 

Tipp: Wegen der zahlreichen Fotos und Videos dauert das Laden der Seite ein wenig länger. Nehmt euch daher einen Augenblick Zeit bevor Ihr mit dem Lesen startet. Ihr werdet es nicht bereuen. Viel Vergnügen! Euer Buddy 🐾

Am Freitag (12.04.2019) war es dann soweit. Die Sachen waren gepackt und es ging ab ins Auto - erst einmal 7 Stunden bis nach Paris. Da Paris auf dem Weg nach Saint-Jean-Pied-de-Port, unserem Startpunkt, liegt, dachte sich Oli, dass wir die Gelegenheit nutzen und hier noch übers Wochenende bleiben. Abends angekommen fielen wir im Hotel, hundemüde von der langen Autofahrt, nur noch in unsere Betten. 

 

Gut gesichert im Auto - bereit für das Abenteuer!

 


Die kommenden zwei Tage verbrachten wir mit einer Menge Sightseeing, leckeren Croissants und gutem Kaffee. Da ich zuvor noch nie in einer Stadt, größer als unser Hachenburg, gewesen bin, war das ganz schön aufregend für mich. Das erste Mal Aufzug, das erste Mal Rolltreppe, meine erste Fahrt mit der Straßenbahn (leider mit doofer Maulschlaufe - ist hier in Frankreich beim ÖPNV Pflicht…) und die ganze Zeit super viele Menschen um mich herum. Hört sich nicht so toll an für einen Hund der vom Land kommt - war es auch nicht... Bis auf die ganzen Leute die mich super süß fanden und mich streichelten und das ein oder andere Stück Croissant auf dem Boden war dieses Wochenende eher nicht so schön für mich. Aber halb so schlimm! Wenn Oli Recht behalten sollte, werde ich in den nächsten Wochen noch auf meine Kosten kommen.


 

In der U-Bahn Station „Porte D’Ivry“ in Paris


Meine Fans…

 

Das klischeetreue Foto-Shooting vor dem Pariser Eifelturm

 

 

 

 

 

Der Eifelturm bei Nacht, wie romantisch

 

Selfie

 

Auf der Pont Saint-Michel am Ufer der Seine

 


Am Sonntag Abend (14.04.2019) ging es wieder zurück ins Auto, weiter Richtung Saint-Jean-Pied-de-Port. Nach mehreren Stunden hatten wir staubedingt immer noch nur etwa 200 km zurückgelegt, weshalb Oli entschloss, die Fahrt am nächsten Tag fortzusetzen. Wir fuhren ein Stück raus und verbrachten die Nacht an einem Waldstück im Auto. Im Schlafsack eng aneinander gekuschelt (ich glaube Oli vermisst Frauchen Nina jetzt schon), schliefen wir tief bis uns am nächsten Morgen der Sonnenaufgang sanft aus unseren Träumen riss. 



Am nächsten Tag (15.05.2019) setzten wir unsere Fahrt fort und erreichten am frühen Abend endlich unser Ziel und gleichzeitig unseren Startpunkt Saint-Jean-Pied-de-Port. Das kleine Städtchen im französischen Baskenland beheimatet etwa 1500 Einwohner. Sein Name bedeutet übersetzt so viel wie „Heiliger Johann am Fuße des Passes“. Die nächsten Wochen wird uns unser Weg von hier aus etwa 800 km über die Pfade des Camino Francés, dem ältesten, klassischen Jakobsweg, bis hin zu unserem Ziel, Santiago de Compostela führen. 

Nachdem wir uns in einem Restaurant des kleinen spanischen Städtchens ordentlich die Bäuche mit dem gutem Essen des Pilgermenüs vollgeschlagen hatten und für den kommenden Tag ausreichend gestärkt waren, übernachteten wir eine weitere Nacht im Auto.

 

So langsam nerven mich diese langen Autofahrten…

 

Das schöne Örtchen Saint-Jean-Pied-de-Port

 

 


Tag 1 (16.04.2019): Endlich! Keine langen Autofahrten mehr, keine Menschenmassen, laute Straßen und volle Geschäfte. Heute sollte das Abenteuer Jakobsweg endlich beginnen! Von den ersten Sonnenstrahlen geweckt, starteten wir ausgeschlafen in den Tag. Oli richtete final unsere Rucksäcke und wir machten uns auf den Weg. 

Die erste Etappe startete direkt mit einem etwa 25 km langen Marsch über den Grat der Pyrenäen nach Spanien bis nach Roncesvalles. Gestartet bei sonnigen 25 Grad stapften wir oben auf dem Gipfel der Pyrenäen bei -5 Grad im Schnee. Am Abend erreichten wir gegen 18 Uhr das Kloster „Albergue de la Real Colegiata de Roncesvalles“ in der Calle de Francia. Für wenig Geld durften wir die Nacht hier verbringen. Oli durfte in einem Bett im Schlafsaal übernachten während ich in der Garage des Klosters blieb. Das machte mir aber überhaupt nichts. Ganz im Gegenteil: Ich war auch mal ganz froh meine Ruhe zu haben. Außerdem waren die Leute dort so lieb, dass sie mir noch Spielzeug und eine Matratze von meinem Vorgänger brachten.

 

Das Tor als symbolischer Startpunkt in Saint-Jean-Pied-de-Port

 

Schnee auf den Höhen der Pyrenäen

 

 

Endlich oben angekommen ... oder doch nur Schafe?

 

Das Kloster „Albergue de la Real Colegiata de Roncesvalles“

 



An Tag 2 (17.04.2019) wurden wir gegen 06:30 Uhr im Kloster geweckt. Auch wenn wir noch gut und gerne länger hätten schlafen können, war es dennoch gut, die frühen Morgenstunden zu nutzen um uns direkt in das Abenteuer unserer zweiten Etappe zu stürzen. Diese führte uns über 30 km Feldweg über Zubiri (eigentliches Ende von Etappe 2) bis in den Ort Larrasoaña. Nach der entspannten Tour hätten wir nicht gedacht, dass uns noch so einige Schwierigkeiten begegnen würden… 

Der Ort war voll mit Herbergen und Unterkünften für Pilger. Ein Einfaches hier einen schönen Schlafplatz für die bevorstehende Nacht zu finden, glaubten wir… Doch leider wollte uns niemand aufnehmen. Auch unser Argument, dass meine Anforderungen an einen Schlafplatz, gerade nach der langen Tour heute, wirklich nicht hoch seien und ich mit einer Garage oder einem Kellerraum mehr als zufrieden wäre, half leider nicht. Also zogen wir weiter zum nächsten Ort. Auch hier wieder zahlreiche Unterkünfte aber keine, die uns einen Schlafplatz anbot. Das einzige was uns als, sagen wir mal „Bleibe“, angeboten wurde, war eine Bank an einer Art Bushaltestelle. Wir drehten um und gingen zurück nach Larrasoaña. Auch wenn wir hier keine Herberge gefunden hatten, war uns während der Suche dennoch ein Fluss aufgefallen, der zum Baden nur so einlud. Da wir aber davon ausgegangen waren, dass sich zumindest Oli heute noch in einer richtigen Dusche waschen kann, nutzten wir die Chance zunächst nicht. Als klar war, dass das heute nicht mehr der Fall werden würde, fiel unser erster Gedanke auf den Fluss zurück. Das hatte sich gelohnt! Auch wenn das Wasser noch furchtbar kalt war, plantschten und tobten wir und genossen das kühle Nass. 

Nachdem wir uns schon an den Gedanken gewöhnt hatten, die Nacht in der Hängematte unter dem Dach einer Bank zu verbringen, machten wir für unser Abendessen noch einen Halt in einem Kiosk. Oli kaufte etwas Gemüse und einen verzehrfertigen Burrito, von dem er mir ein Stück versprach. Scheinbar hatte der Kiosk-Besitzer Mitleid - Er bot uns an, den Burrito wenigstens aufzuwärmen, wenn unser Abendessen schon nicht so groß ausfiel. In diesem Moment betrat eine ältere Dame den Verkaufsraum. Sie fragte den Kiosk-Besitzer ob er heute Abend nicht im Rahmen einer kleineren Geburtstagsfeier ein BBQ in seinem Garten veranstalten wollte. Wir wunderten uns kurz, wurden dann aber aufgeklärt, dass es wohl üblich sei, dass er gegen ein paar Euro quasi das Catering für kleinere Feiern übernimmt. Die Chance ließ sich Oli nicht entgehen - Er schilderte der Dame kurz unsere Situation und fragte höflich, ob wir dem BBQ nicht beiwohnen könnten. Leider lehnte sie unsere Anfrage freundlich ab und argumentierte, dass es sich bei der Feierlichkeit um eine geschlossene Gesellschaft handeln würde. Darauf verließ sie das Geschäft. 

Bei einer leckeren Flasche spanischen Rotweins, die sich Oli mit dem Inhaber des kleinen Lädchens teilte, erzählten wir ihm von unserer bisherigen Reise. Er bot uns an, in seinem Garten übernachten zu können. Leider gab es dort aber keine Möglichkeit unsere Hängematte zu befestigen und ein Zelt hatten wir nicht dabei, also mussten wir dieses Angebot leider dankend ablehnen. Aber er hatte eine noch bessere Idee: In der Mitte des Ortes, direkt hinter einer Kirche gelegen, befände sich eine große Squash-Halle. Diese sei immer geöffnet und selbst wenn nicht, könnte er uns das Versteck des Schlüssels verraten. Dort gäbe es außerdem neben einem trockenen, warmen Schlafplatz auch Pfosten, an denen wir unsere Hängematte aufhängen könnten. Als wäre das nicht schon genug, bot er außerdem an, uns für ein paar Euro etwas vom BBQ aufzuheben. Wir bedankten uns großzügig und verabredeten uns mit ihm für 18:30 Uhr in seinem Garten. 

Pünktlich dort angekommen, war außer den Gästen der Geburtstagsfeier, die sich bereits über das Gegrillte hermachten, kein Kiosk-Besitzer anzutreffen. Wir warteten und warteten aber der Inhaber des kleinen Lädchens kam einfach nicht. Also beschlossen wir, uns, wie vereinbart, am BBQ zu bedienen. Auf die Verwunderung der übrigen Gäste reagierte Oli mit der Begründung, wir hätten bereits für das Essen bezahlt. Diese Ausrede stellte sie scheinbar zufrieden und sie setzten ihr Mahl fort. Der Kiosk-Besitzer hatte wirklich an nichts gespart: Mit Fleischspießen, gutem Brot, Dips, Salaten und leckerem Wein schlugen wir uns die Bäuche so richtig voll. Aber auch nach weiterem Warten kam der freundliche Herr des Ladens leider nicht mehr. „Naja“ dachte sich Oli, wenn er auf die Bezahlung besteht, weiß er wo wir sind und würde uns in der Sporthalle finden. Im schlimmsten Fall hätten wir umsonst gegessen und - übernachtet. 

So kam es dann auch: Wir verbrachten die Nacht ungestört in der Squash-Halle und gönnten uns sogar ein paar Stunden Schlaf mehr (wer weiß, wann wir wieder in einem Kloster übernachten werden, wo uns die Heiligen mitten in der Nacht aus dem Schlaf reißen). 

 

 

Baden im Fluss

 

Unser heutiger Schlafplatz: Eine Squash-Halle

 



Als wir am nächsten Morgen (18.04.2019) unsere Schulden im Kiosk begleichen wollten, war der Laden leider feiertagsbedingt geschlossen - also war tatsächlich der Fall eingetreten, dass wir unbeabsichtigt umsonst gut gegessen und - geschlafen hatten - „So darf es ruhig weitergehen!“ dachten wir uns.

Etappe Nummer 3 brachte uns in die erste größere Stadt - Pamplona (baskisch Iruñea), die Hauptstadt der autonomen Region Navarra. Hier erreichten wir bereits Mittags die schöne Altstadt mit ihren zahlreichen Geschäften, Bars und Restaurants. Auf den Rat eines Pilger-Kollegen baten wir direkt in der Kloster-Herberge  „Jesús y María“, nahe der gothischen Kathedrale Santa Maria la Real, um einen Schlafplatz. Nachdem wir zunächst wieder abgelehnt wurden, ich dann aber alle meine Kunststücke vorführte und mich die Menschen dort letztlich doch ziemlich süß fanden, wurde mir schließlich die Wäschekammer zugewiesen. 

Oli duschte sich (das war auch ziemlich nötig kann ich Euch sagen) und ich wurde noch einmal gebürstet bevor wir uns dann aufmachten, die Altstadt von Pamplona zu erkunden. Am gleichen Abend wurde hier im Rahmen einer Osterprozession die Passion Christi nachgespielt, ein Spektakel das viele Einheimische und Touristen auf die Straße lockte. Diese waren nur leider der Grund, wieso wir von dem Schauspiel nicht so viel zu sehen bekamen. Eng aneinander gedrängt, versuchte jeder einen möglichst guten Platz zu ergattern. Also entschied Oli, dass wir uns das Ganze lieber aus der Ferne anschauen. Zu unserer Enttäuschung gab es, anders als erwartet, leider keine Essensstände oder einen Weinausschank. Dafür durfte ich an dem, scheinbar weltbesten Schinken-Baguette naschen, das sich Oli zum Abendbrot kaufte - ein guter Trost! Auch hier in Pamplona gab es wieder super viele Menschen und vor allem Kinder, die mich streicheln und mit mir spielen wollten - ich liebe meine Fans!

 

 

 

„Woof you marry me, hooman?“

 

 

Noch etwa 8 km bis nach Pamplona

 

 

Auf unserem Weg begegnen wir auch dem ein oder anderen Pilger-Kollegen

 

Die Innenstadt von Pamplona

 

 

 

 

 

Und schon wieder diese Sehenswürdigkeiten…

 

 

 

 

 

Und natürlich das weltbeste Schinken-Baguette, oder spanisch „Bocadillo“

 

Mhmm…

 

Und auch hier wieder meine Fans

 

 



Bei Frauchen immer auf dem Radar

 

Spanischer Wein und leckerer Käse - so lassen wir unsere Abende ausklingen

 


Der heutige Tag (19.04.2019) begann wieder mit einem unsanften Weckruf um 5:30 Uhr in der Früh - das hatten wir in einer Kloster-Herberge ja nicht anders erwartet. Halb so schlimm - nach einem gemeinsamen Frühstück mit einem syrischen Flüchtling, den wir am Vorabend kennengelernt hatten, nutzten wir die frühen Morgenstunden um bereits einige Kilometer zurückzulegen. 

Am frühen Abend erreichten wir nach 30 km und der Durchquerung der Orte Zizur Mayor, Uterga, Muruzábal, Obanos und Puenta la Reina schließlich die kleine Ortschaft Mañeru. Der heutige Tag war entspannt - angenehme Temperaturen und ein leicht bewölkter Himmel - perfekte Laufbedingungen! 

Ähnlich entspannt gestalteten sich auch die restlichen Stunden: Eine Unterkunft war schnell gefunden und auch ich war herzlich willkommen. Eine kleine Kapelle in einem eingezäunten Garten sollte mein Schlafplatz werden. 

Nachdem sich Oli zum Duschen und Essen von mir verabschiedete, vermisste ich ihn aber dann doch mehr als gedacht. Ich kannte hier ja niemanden und fühlte mich in dem großen Garten plötzlich so einsam. Ich bellte und versuchte Oli zurückzurufen - zum Leid eines netten, jungen Mannes, der sich vor meine Kapelle setzte um den Abend ausklingen zu lassen. Ich wollte ihn natürlich nicht stören, war dann aber doch ganz froh, dass ich es tat, denn er war so genervt von mir, dass er in die Herberge ging um meinen Besitzer ausfindig zu machen. So machte Oli die Bekanntschaft mit Tim, dem netten, jungen Mann und beide kamen zu mir zurück - win win!

Tim arbeitet in Deutschland als Service-Techniker für ein Bürsten-verarbeitendes Unternehmen und wurde beruflich für ein halbes Jahr nach Spanien geschickt. Durch das lange Feiertags-Wochenende hatte er sich überlegt, ein paar Etappen des Jakobsweges zu laufen. 

Wir verbrachten gemeinsam den restlichen Abend miteinander.


Auch in Mañeru gab es ein Schauspiel der Passion Christi. Zwar nicht so spektakulär wie in Pamplona, dafür mit besserer Sicht!

 


Tim war alleine unterwegs und hatte ein ähnliches Marschtempo wie wir, also sprach dem nichts entgegen. Außerdem fanden wir uns alle auf Anhieb sympathisch und beschlossen daher bereits am gestrigen Abend, die heutige (20.04.2019) Etappe gemeinsam zu laufen. Nach einigen Kilometern erreichten wir in der Mittagszeit bei praller Sonne und heißen Temperaturen eine nordspanische Bodega, direkt nach Estella, einem weiteren Etappenziel des Camino Francés. Zunächst glaubten Tim und Oli eine Fata Morgana zu sehen aber sie hatten Recht: Unterhalb des Klosters Irache gab es einen Weinbrunnen, den Fuente del Vino, an dem sich Pilger zwischen 8 und 20 Uhr gratis Wein zapfen können. Wir dachten uns: „Wenn uns Spanien, Spanien zeigt, dann machen wir’s auch spanisch!“ - wir legten eine 2 stündige Siesta ein, in der Tim und Oli aßen, tranken, schliefen und sich die Sonne auf die Bäuche scheinen ließen. 

Gestärkt versuchten wir anschließend in Estella eine geeignete Unterkunft zu finden aber wir hatten keine Chance. Bevor wir auch nur eine Herberge betreten wollten, kamen uns bereits kopfschüttelnd Pilger entgegen - alles war ausgebucht. Man sagte uns, das nächste Etappenziel sei etwa 12 km entfernt, also machten wir uns auf, dieses noch vor Einbruch der Dunkelheit zu erreichen.

Nach etwa 9 km erblickten wir schon aus der Ferne einen, wunderschön von der Sonne angestrahlten, kleinen Hügel inmitten eines Waldes. Wegen den mittlerweile wieder angenehmen Temperaturen entschieden wir, die kommende Nacht auf diesem Hügel unter freiem Himmel zu verbringen und uns den Sonnenuntergang von dort oben aus anzuschauen. Außerdem hatte Oli bereits zwei Bäume gesichtet, die sich perfekt zum Anbringen unserer Hängematte eigneten.

Nachdem wir uns durch dichte Dornenbüsche bis zum Gipfel des Hügels durchgekämpft hatten und unser Lager fertig gerichtet war, schauten wir der Sonne zu, wie sie mit einem wunderschönen Lichtspiel langsam hinter den Wäldern und Wiesen der Provinz Navarra verschwand.

Als die Sonne gerade hinter dem Horizont verschwunden war, zogen plötzlich Wolken auf und der Himmel zog sich zu. Kurz darauf begann es, leicht zu regnen. Da unser Lagerplatz für eine Nacht im Unwetter alles andere als geeignet war, packten Tim und Oli alles schnell wieder zusammen. Auf der anderen Seite des Hügels blickten wir auf ein großes Feld, an dessen Rand wir einen kleinen Schuppen entdeckten. Bevor es kurze Zeit später heftig zu stürmen und zu hageln begann, erreichten wir bereits den Schuppen, gerade groß genug um zweieinhalb Mann vor dem Unwetter zu schützen. Tim baute sich aus herumliegendem Holz eine kleine Pritsche, Oli und ich legten uns direkt in den Sand. So verbrachten wir, erstaunlich komfortabel, die kommende Nacht.  


 

 

 

Villatuerta

 

Im Hintergrund die Kirche „Nuestra Señora de la Asunción“ in Villatuerta

 

Estella - eine spanische Kleinstadt in Mittel-Navarra

 

 

Das Kloster Santa María la Real de Irache (Kurzform Kloster Irache) Ein ehemaliges Benediktinerkloster nahe der Kleinstadt Estella in der nordspanischen Provinz Navarra, welches im Mittelalter eine wichtige Pilgerherberge darstellte.

 

Siesta am Fuente de Irache - einem Brunnen, aus dem unendlich Wein fließt, ein Traum wird wahr…


 

 

 

Badespaß

 

Wunderschöne Landschaften

 

 

 

Lager Nummer 1 - am Gipfel eines Hügels

 

Atemberaubender Sonnenuntergang vom Gipfel des Hügels


 

Am nächsten Morgen (21.04.2019) musste Tim feststellen, dass er sich in der Nacht auf seiner Holz-Pritsche wohl so dermaßen verlegen hatte, dass er heute nur langsam voran kam. Da wir ihn dennoch weiter begleiten wollten, liefen wir heute nur bis nach Viana, ein Ort vor dem nächsten Etappenziel Logroño. Dort wird sich Tim morgen von uns verabschieden. In Logroño hat er eine Wohnung, in der er für seinen Auslandsaufenthalt untergebracht worden ist. Bevor wir unsere weitere Reise vorerst alleine fortsetzen werden, hatte uns Tim aber ein großes Frühstück bei sich versprochen auf das wir uns schon an diesem Abend freuten. 

Auch heute war eine Herberge schnell gefunden. Alle Schlafräume waren um einen Innenhof herum angeordnet, in dem ich schlafen durfte. Oli bekam ein Bett direkt am Fenster zugewiesen, sodass wir nur durch dieses voneinander getrennt waren. Die Leute in der Unterkunft waren super nett und organisierten mir sogar noch eine Plane, die Oli als Windschutz für mich über den Stühlen befestigte, aus denen er mir bereits eine Höhle gebaut hatte.

An diesem Abend trafen wir außerdem eine ältere französische Dame, die als Masseurin und Heilerin ihr Geld verdient und ihre Behandlungen auch bei Tieren anwendet (Instagram: lesentirjuste). Bevor sie sich Oli widmen konnte, war zunächst ich an der Reihe. Sie massierte meine Muskeln und dehnte meine Bänder und Sehnen in dem Maße, in dem es angenehm für mich war. Ich war begeistert! Außerdem diagnostiziert und behandelt sie etwaige Verletzungen des Muskel- und Bewegungsapparates durch das bloße Auflegen ihrer Handflächen. Bei mir wurde sie direkt fündig: Sie erzählte Oli, dass ich gut ausgelastet sei und mir das viele Laufen, wie erwartet, nichts ausmachen würde. Auch der Rucksack sei kein Problem. Ganz im Gegenteil, mir würde es Freude bereiten, Aufgaben zugewiesen zu bekommen. Bloß in meiner linken Schulter hätte ich etwas Muskelkater und meiner Hüfte würde man das ständige Hinterngewackel anmerken. Das hätte ich mir wohl schon vor längerer Zeit angefangen. Aber was soll ich sagen - Alles für die Ladys!


 



22.04.2019: In Viana losgelaufen, hatten wir nach etwa 10 km schnell die nächste Stadt Logroño und damit das eigentliche Ziel der letzten Etappe erreicht. Nachdem wir uns mit einem Frühstück aus Tim's Heimat Baden (nicht Schwaben!) in seiner Wohnung gestärkt hatten, begleitete er uns bis zum Ende des Stadtparks. Dort verabschiedeten wir uns von ihm von ihm und setzten unseren Marsch fort. Weitere 28 km führten uns über die Dörfer Navarette und Ventosa  in das nächste Etappenziel Nájera. Damit hatten wir insgesamt 1,5 Etappen, 38 km und unseren bisher längsten Marsch hinter uns gelegt.

Ich muss sagen, dass, auch wenn der Weg wirklich angenehm war, mir die Umgebung nicht mehr so gut gefiel. Dort, wo in den Dörfern, die wir bisher durchlaufen hatten, kleine urige Restaurants und Herbergen, von meist einheimischen spanischen Familien geführt, die Pilger zu einer Rast einluden, gab es hier mehr teure Restaurants und Hotels, die wenig begeistert von Pilgern, geschweige denn ihren, manchmal tierischen, Begleitern waren. 

Wie vermutet, war es daher auch heute wieder kein leichtes Spiel einen geeigneten Schlafplatz für die bevorstehende Nacht zu finden. Nachdem Oli die Bedienung eines Restaurants nach der nächsten Camping-Möglichkeit gefragt hatte, begannen die Gäste des Restaurants laut zu diskutieren, wie weit denn nun der nächste Zeltplatz, die nächste Pension oder Herberge entfernt sei, konnten sich aber einfach nicht einig werden. Da wir uns, hundemüde von dem langen Marsch, schon damit abgefunden hatten, die kommende Nacht wohl einfach auf der nächstgelegenen Bank zu verbringen, blickten wir dementsprechend drein. Einer unser Tischnachbarn, ein spanischer Herr mittleren Alters, bemerkte unsere traurigen Blicke und bot uns an, bei ihm in seiner Wohnung zu übernachten. Er hätte sowieso ein Zimmer frei und wohne direkt um die Ecke im Zentrum der spanischen Kleinstadt. Dieses großzügige Angebot konnten wir natürlich nicht ablehnen und dankten ihm aufrichtig. Natürlich hatte er so auch die Gelegenheit genutzt, Eindruck bei den Kellnerinnen zu schinden, auf die er schon den ganzen Abend ein Auge geworfen hatte. Nichts desto trotz waren wir dankbar, uns einer Schlafmöglichkeit für die kommende Nacht sicher zu sein.


Iglesia de Santa Maria, Viana

 

 

Im Hintergrund die Puente de Piedra in Logroño

 

Kathedrale Santa María la Redonda in Logroño


 

 

 

 


Der heutige Dienstag (23.04.2019) startete bereits mit bedecktem Himmel und leichtem Nieselregen. Nichts was uns aufhalten könnte, auch heute mit voller Motivation in Tag 7 unseres Abenteuers zu starten. Natürlich ist die Landschaft bei strahlendem Sonnenschein wesentlich schöner anzuschauen, Wolken und kühlere Temperaturen eignen sich dann aber doch besser um lange Strecken ohne lange Pausen zurückzulegen. In der Mittagszeit erreichten wir hungrig die Gemeinde Santo Domingo de la Calzada, in der wir für ein Mittagessen in einem der zahlreichen Restaurants einkehrten. 

Nach einer ausgedehnten Rast wollten wir uns gerade wieder die Rücksäcke aufziehen, als es plötzlich monsunartig zu regnen begann. Oli dachte sich nichts dabei und so motiviert wie er war, heute noch einige Kilometer zurückzulegen, zog er sich Regenjacke und Poncho über und marschierte los. Ich hingegen war auf einmal alles andere als motiviert, bei dem Wetter weiterzulaufen. Auch wenn ich normalerweise eine richtige Wasserratte bin, und mich super gerne nass und dreckig mache, hatte ich heute so gar keine Lust dazu. Ich bemühte mich, allen Pfützen auszuweichen und möglichst unter Dachvorsprüngen oder dicht bewachsenen Bäumen zu laufen. Schnell bemerkte Oli meine Unlust, schaute in die App meines GPS-Trackers und bemerkte, dass wir bereits 20 km unterwegs waren, statt den 10 km, die er angenommen hatte. Er entschied, dass wir weiter warten bis der Regen etwas nachgelassen hat. Also kehrten wir zurück in die Innenstadt von Santo Domingo de la Calzada

Dort angekommen, fragten wir direkt in der ersten Herberge, ob wir uns hier aufhalten könnten, bis der Regen nachgelassen hätte. Für die Besitzer der Pension war das keine Frage. Ganz im Gegenteil - sie boten uns sogar eine Schlafmöglichkeit für die nächste Nacht an, mit Hund! Das Angebot konnte Oli natürlich nicht ablehnen. Auch wenn der Regen inzwischen aufgehört hatte, beschlossen wir, weiteres Laufen für heute sein zu lassen und entspannten uns stattdessen in der Herberge. Oli nutzte die Gelegenheit, seine Klamotten zu waschen und mich nach allen Regeln der Kunst noch einmal so richtig zu verwöhnen: Er bürstete und kämmte mein Fell, fettete meine Pfötchen und streichelte mich ausgiebig.

 

 

 

 

24.04.2019: Nachdem wir unsere Herberge in Santa Domingo de la Calzada verließen, führte uns unser Weg als erstes in die Innenstadt der Gemeinde. Hier bestaunten wir die spätgotische Kathedrale mit ihrem circa 70 Meter hohen, atemberaubenden Glockenturm.

Das Wetter war, ähnlich wie gestern, wieder wechselhaft. Mal regnete es ein wenig, dann klarte der Himmel schlagartig auf und die Sonne schien, gefolgt von einer erneuten Regenfront - durchweg super kalt. 

Mir machte das nichts aus. Ich habe bei jedem Wetter meinen Spaß: Ich liebe es genauso mich in schlammigen Pfützen richtig dreckig zu machen, wie mich bei strahlendem Sonnenschein im Gras zu wälzen oder mir von eisigem Wind die Zunge aus dem Maul wehen zu lassen.

Nach etwa 25 km erreichten wir unser heutiges Etappenziel Tosantos. Auch wenn die kleine Gemeinde der Provinz Burgos mit ihren knapp 60 Einwohnern auf uns wenig einladend wirkte, so konnten wir von unserer Unterkunft doch nur das Gegenteil behaupten. Nachdem Oli bei dem älteren Ehepaar, die die Besitzer der Herberge zu sein schienen, fragte, ob sie eine Übernachtungsmöglichkeit für uns beide hätten, beäugte mich der Mann zunächst mit kritischem Blick. Das bemerkte ich, doch bevor er uns ablehnen konnte, hatte ich seine Frau mit meinem Hundeblick bereits um die Pfote gewickelt - Und ehedem er etwas entgegnen konnte, klärte sie die Situation mit einem einfachen, eindeutigen Blick in Richtung ihres Mannes, der so viel aussagte wie: „Wenn du die beiden bei dem Regen fortschickst, lasse ich mich scheiden!“. Ihr Mann sagte nichts, sondern wies uns an, ihm nachzugehen. Wir folgten ihm und hörten noch, wie ihm seine Frau auf spanisch etwas hinterherrief, wie „Wenn du den Hund draußen schlafen lassen willst, lasse ich mich auch scheiden!“ - ich mochte sie. 

Uns wurde ein Bett in einem großen Schlafsaal zugewiesen, der aber nur mit 2 Leuten besetzt war. Wir fragten sie höflich, ob es ihnen etwas ausmachen würde, wenn auch ich die Nacht in dem Raum verbringen würde. Beide hatten nichts einzuwenden, sondern freuten sich über meine tierisch süße Gesellschaft.

Als wir wieder zurück zur Rezeption gingen um nach dem nächsten Bankautomaten zu fragen, sagte man uns, dass dieser mit dem Auto 2 Minuten, zu Fuß hingegen 2 Stunden entfernt sei, da man hier die Autobahn umgehen müsste. Doch der Besitzer machte sich wieder sympathisch und bot Oli direkt an, ihn eben dorthin fahren zu können. Ich blieb derweil bei seiner Frau von der ich mich schön streicheln und kraulen ließ bis die beiden wieder zurück waren. Während der Fahrt unterhielt sich Oli angeregt mit dem Herrn und erfuhr noch mehr über die Hierarchie ihrer Ehe: Er fährt einen alten klapprigen Polo aus den 90ern, seine Frau einen sportlichen VW Scirocco. Klar, wer hier die Hosen anhat. 

Während unserem heutigen Marsch hatte ich das Gefühl, dass die letzten 250 gelaufenen Kilometer langsam ihre Spuren an Oli, oder besser gesagt, seinen Füßen hinterlassen hatten. Er beklagte sich über Schmerzen seiner Sehnen und lief daher die heutige Etappe schließlich in seinen Turnschuhen zu Ende. Aus diesem Grund fragte er später die nette Dame der Herberge, ob es, entgegen der Regel, möglich sei, 2 Nächte in der Unterkunft zu verbringen. Er hätte Schmerzen und würde daher gerne einen Tag pausieren. Ich unterstützte ihn mit einem traurigen Hundeblick und schon war die zweite Nacht kein Problem mehr. 

Wir ließen den Abend stressfrei ausklingen und freuten uns auf einen entspannten Morgen. 


Der 70 Meter hohe Glockenturm in Santo Domingo de la Calzada






 

Nach einer langen und erholsamen Nacht, wachten wir am nächsten Morgen (25.04.2019) ausgeschlafen in der Herberge auf. 

Wir verbrachten den Tag entspannt und blieben die meiste Zeit im Garten. Ich wurde wieder gebürstet und meine Pfoten mit Kokosöl eingefettet. Neben dem positiven Effekt, den das Öl auf die raue Haut meiner Ballen hat, schmeckt es mir auch super gut und kaum sind alle 4 Pfötchen eingerieben, schlecke ich das leckere Fett schon wieder ab. 

Den restlichen Tag spielten und tollten wir viel auf der Wiese und beobachteten, wie sich die Herberge stündlich weiter füllte. Gut, dass wir uns bereits am gestrigen Abend unser Bett für eine weitere Nacht reserviert hatten.

Zum Abendessen gab es heute leckeren Kaninchenbraten, von dem ich großzügig etwas abbekam und der uns beiden unheimlich gut schmeckte.   





26.04.2019: In Tosantos losgelaufen gestaltete sich der Weg zunächst sehr eintönig: Eine lange Gerade die scheinbar kilometerlang durch einen Nadelwald zu führen schien. Der Boden war durch den Ton rot gefärbt und durch die vielen Unebenheiten der Straße hatten sich jede Menge schlammige Pfützen gebildet. Ein wahres Paradies für mich: Ich sprang von einer Pfütze in die nächste und der ganze Ton und Dreck grub sich immer tiefer in mein Fell. 

Wenig später sahen wir einen kleinen Flusslauf am Rande des Weges. Oli wollte die Chance nutzen, mich dort ein wenig von dem Schlamm zu befreien, bemerkte aber schnell, dass auch der Fluss keinen sonderlich sauberen Eindruck machte. Dennoch packte er mich an der Schlaufe meines Rucksacks und tunkte mich ins Wasser - das gefiel mir gar nicht! Noch bevor ich die Wasseroberfläche berührt hatte, fing ich an mit meinen Beinen Schwimmbewegungen zu imitieren, konnte mich aber nicht aus seinem Griff befreien. Also ließ ich es über mich ergehen... Auch wenn er so den oberflächlichen Dreck von mir abwaschen konnte, blieb doch der Gestank, den ich auch noch die restlichen Kilometer mit mir trug. 

Weiter durchliefen wir auf unseren heutigen 32 Kilometern neben anderen den Ort Atapuerca. Auch wenn wir hier keine Rast machen sondern den Ort nur durchliefen, schnappten wir doch einige interessante Informationen über das Dorf auf: In einem Eisenbahngraben, dem sogenannten "Trinchera del Ferrocarril" liegt der Eingang einer Höhle, die "Gran Dolina"genannt wird. Hier wurden vor etwa 10 Jahren die ältesten menschlichen Knochen des europäischen Kontinents gefunden. Die Überreste stammen von sechs Personen, die vor fast einer Million Jahre gelebt hatten. Dieser Fund hatte damals das wissenschaftliche Denken über die prähistorische Zeit revolutioniert und einen Aufschluss über eine neue Spezies in der menschlichen Evolution geliefert. Diese Spezies wurde Homo antecessor getauft, was so viel bedeutet wie "fortschreitender Pionier" und bei der es sich um einen Vorfahren des Neandertalers handelt. Eine weitere Fundstätte, die aufgrund ihres tiefen Abhangs leider heute nicht mehr zugänglich ist, ist die sogenannte Knochengrube. Auch hier wurden Überreste von 32 Personen gefunden, die vor etwa 300.000 Jahren gelebt haben sollen. Bei diesen Funden handelt es sich um eine neue Art, den Homo heidelbergensis, eine Zwischenentwicklung zwischen dem Antecessor und dem Neandertaler, vor allem auffallend durch seine Größe und Kraft. 

Der Grund für diese außergewöhnliche Anhäufung menschlicher Fossilien ist noch immer unbekannt aber vielleicht wird das Rätsel ja eines Tages von Miguelón, dem besten erhaltenen Schädel von Atapuerca gelüftet. 

Auch an einem Truppenübungsplatz des spanischen Militärs liefen wir vorbei, um dessen Stacheldrahtzaun sich Fell gewickelt hatte, das scheinbar von ringsum grasenden Tieren stammt und vom Wind verweht wurde. 

Der Weg gestaltete sich weiter sehr steil und steinig und führte uns, vorbei an Olivenhainen, schließlich zum Gipfelkreuz eines steinigen Hügels, der von Oli Golgota getauft wurde. Hier genoss ich es, mich auf den herumliegenden Steinen zu wälzen, zum Leid von Oli, aber dazu später mehr...

Weiter durch ein nicht besonders ansehnliches Industriegebiet erreichten wir schließlich das Ziel unserer heutigen Etappe: Cardeñuela Ríopico. Normalerweise wird diese kleine Gemeinde der Provinz Burgos in der offiziellen Etappe Nummer 12 des Camino Francés nur durchlaufen aber wie Euch wahrscheinlich bereits aufgefallen ist, halten wir uns nicht an diese Vorgaben. Zwar folgen wir den Schildern und orientieren uns daher an der vorgesehenen Route aber wir machen unsere Etappenziele täglich viel mehr davon abhängig, in welcher körperlichen Verfassung wir uns befinden, wo Schlafplätze in Herbergen verfügbar sind oder wie viel Essen und Trinken wir noch dabeihaben. Meistens sind die offiziellen Ziele jeder Etappe völlig von Touristen überlaufen und zudem teuer. Die kleinen Ortschaften mit meist weniger als 100 Einwohnern, die von den meisten Pilgern kaum Anerkennung bekommen, gefallen uns besser. Die Unterkünfte sind meist auf Spenden basierende, familiengeführte Herbergen, in denen man den Abend nach einem anstrengenden Marsch, unserer Ansicht nach, stressfreier und entspannter ausklingen lassen kann und sich nicht zu selten bei einer Flasche Wein gemeinsam mit den Besitzern der Herberge auf deren Terrasse wiederfindet. 

Direkt hinter dem Ortseingang von Cardeñuela Ríopico wurde unsere Aufmerksamkeit auf einen Bus gelenkt, der mit seiner Aufschrift für eine Unterkunft warb, die uns ein Bett für 5€ versprach. Wir dachten uns, dass es bei dem günstigen Preis bestimmt nicht abwegig ist, dass dort auch Tiere erlaubt seien also versuchten wir unser Glück und bekamen Recht. Ich durfte sogar wieder im Schlafsaal bei Oli übernachten, sollte aber in einer vorgerichteten Hunde-Box bleiben. Diese war von meinen Vorgängern aber wenig pfleglich behandelt worden und es schien, als hätte ein anderer Hund eine längere Zeit unfreiwillig in ihr verbringen müssen. Ich beschnupperte die Box und entschied schnell, dass ich darin nicht die kommende Nacht verbringen möchte. Da wir uns den Saal nur mit einer weiteren Person teilen mussten und Oli Verständnis für mich hatte, fragte er, ob es für ihn ein Problem sei, wenn ich außerhalb der Box bleiben würde. Dem Asiaten schien dies gleichgültig zu sein also war auch dieses Problem mal wieder gelöst!

Jedoch machte sich nun ein anderes Problem auf, ich hatte Hunger- und zwar wie! Oli bemerkte das auch recht schnell aber ich erinnere mich die letzte Portion meines Futters bereits heute Morgen aufgegessen zu haben. Aufgrund der Osterfeiertag war natürlich kein Supermarkt offen um neues zu kaufen.  Nach einer kurzen Besprechung waren wir uns einig, es gibt Bocadillos! Oli bestellte zwei Sandwiches mit Schinken, Ei und Bacon. Doof für ihn dass ich Brot nicht so gut vertrage, also war der Belag für mich *.*<3 und das Brot für meinen Hooman.

Kurze Zeit später fiel uns auf, dass sich mein GPS-Tracker nicht mehr an meinem Halsband befand. "Na super", seufzte Oli genervt. Als er in die zugehörige App schaute, bestätigte sich seine Vermutung: Ich hatte den Tracker scheinbar beim Wälzen auf dem steinigen Grund des Golgota-Gipfels verloren. Oli klärte mit Frauchen Nicole und Nina, ob er tatsächlich zurückgehen müsse um den GPS-Tracker zu holen aber von der Antwort, die er bekam, war er ausgegangen. Sie hatten ja Recht, die Anschaffung war wirklich sinnig. Nicht nur, damit Frauchen und Herrchen zuhause immer sehen können, wo ich mich gerade herumtreibe. Nicht zu selten kommt es vor, dass ich die Nacht nicht direkt an Oli's Seite, sondern in einem Innenhof oder Garten einer Herberge verbringe. Auch wenn es noch nicht vorgekommen ist, und ich zur Sicherheit meistens zusätlich angekettet bin, kann es passieren, dass ein anderer Pilger ein Tor oder eine Tür auflässt und ich die Chance nutze und schon mal vorlaufe. Also machten wir uns noch einmal los, das Teil zu holen. Gott sei Dank hatten wir, dank der App, zumindest den genauen Standort und auch die vermuteten zehn Kilometer waren nur drei, die wir dazu tatsächlich noch einmal auf uns nehmen mussten. Bei dem, was wir täglich an Strecke zurücklegen, war das nur ein Tropfen auf den heißen Stein und so hatten wir uns unser abendliches Gassi gehen gespart.

Leider fiel unser Abendessen heute trotz der extra Kilometer nicht besonders schmackhaft aus: fade Hähnchenkeule und labriger Salat, entäuschend für Oli, um so besser für mich. Dennoch gut gesättigt und zweifellos hundemüde bezogen wir endlich den Schlafsaal. Oli fror etwas, weshalb er überlegte, mich mit zu sich ins Bett zu holen aber ich stank wohl noch immer so bestialisch von den schlammigen Ton-Pfützen heute Morgen, dass er sich dann doch entschied, lieber die restliche Nacht zu frieren. Selbst Schuld...









Golgota

 

 

 

 

 

 

 

 

 



Erstaunlich ausgeschlafen und fit für den Tag machten wir uns heute morgen (27.04.19) wieder recht früh auf den Weg. Schon nach den ersten Kilometern trafen wir Irene und Patrick wieder. Die beiden hatten wir schon auf den ersten Kilometern unseres Jakobswegs kennengelernt, Patrick sogar noch am zweiten Tag, auf dem Weg vom Kloster in Roncesvalles. Wir erkannten ihn an dem Stoff-Küken wieder, das er, außen am Rucksack befestigt, mit sich trug. Er erklärte uns damals, dass er kein Geflügel isst, da bei der Produktion die männlichen Küken unmittelbar nach dem Schlüpfen separiert und geschreddert werden. Das Stofftier hat ihm seine Ex-Freundin geschenkt, kurz bevor sie sich von ihm trennte. Jetzt trägt er es mit sich und möchte es an einem schönen Ort auf seinem Jakobsweg aufhängen, damit es dort "weiterleben" kann und ich denke als symbolisches Ende der Beziehung, oder so... 

Auch Irene haben wir früh kennengelernt. Sie kommt aus Tirol und ist selbst Besitzerin eines Hundes, eines Pudels um genau zu sein. Das hatte meine Frage, wieso sie ihn nicht auch mit auf ihren Jakobsweg genommen hatte, zügig beantwortet... 

Es gab drei Möglichkeiten Burgos, das nächste große Etappenziel der meisten Pilger, zu erreichen: Nahe einer Hauptstraße, durch ein Industriegebiet oder entlang eines Flusses. Einvernehmlich entschieden wir uns schnell für den Fluss. Auch wenn wir uns so den längsten Weg ausgesucht hatten, war es mit Sicherheit der schönste.

In Burgos angekommen suchten wir als erstes nach dem nächsten Supermarkt oder Tierbedarf, in dem Oli neues Futter für mich kaufen konnte. Irene und Patrick verloren wir dabei leider. 

Anders als die meisten anderen Pilger, die in Burgos, dem ersten größeren Etappenziel des Camino Francés, meist einen oder sogar mehrere Tage Rast einplanten, verzichteten wir darauf fast gänzlich. Wir schauten uns die Stadt und ein paar ihrer Sehenswürdigkeiten bei ihrer Durchquerung an. So spielte ich ausgiebig mit den Hunden aus Burgos auf den Grünflächen der zahlreichen Parks und machte neue Freundschaften. Auch die bekannte Kathedrale schauten wir uns aus nächster Nähe von der Terrasse eines, für unsere Verhältnisse, recht schicken Restaurants an. Hier gab es für uns leckere gebratene Blutwurst, die auch als "Der schwarze Pudding von Burgos" bekannt ist und auch mir unheimlich gut schmeckte.

Raus aus Burgos zog sich der Weg zunächst wieder kilometerlang. Doch dann wurden wir von einer Art Brunnen überrascht, der als Fontäne Frischwasser in die Luft schoss. Wir nutzten die Gelegenheit, wuschen uns den Dreck der vergangenen Tage von der Haut und hatten nebenbei jede Menge Spaß in dem plätschernden Wasser. 

Nachdem wir uns so wunderbar geduscht hatten, beschlossen wir, die kommende Nacht draußen zu verbringen. Dem gab es nichts einzuwenden: Wir waren gut gesättigt, frisch geduscht und hatten unsere Trinkwasser-Reserven ausreichend aufgefüllt. Doch dann kam nach wenigen Kilometern bereits der nächste Ort Tardajos mit einer einem Bauernhof oder altem Kasernengebäude ähnelnden Unterkunft, die uns sehr ansprach. 

Nach kurzer Nachfrage erfuhren wir leider, dass zwar Tiere erlaubt seien, es aber nur Einzelzimmer gäbe, die unser preisliches Budget überstiegen. Also liefen wir weiter bis zur Ortsmitte. Auch hier fanden wir eine ansprechende Herberge, mit einem ebenso schönen Restaurant und großem Garten. Nur leider Tierverbot... 

Aber wie heißt es so schön? Alle guten Dinge sind drei! 

Versuch Nummer drei glückte und wir hatten einen Schafplatz für die nächste Nacht. Auch wenn die Herberge leider kein Wifi anbot, hatten wir dafür sogar ein Einzelzimmer für uns. Außerdem basierte sie ausschließlich auf Spendenbasis. Das bedeutet, dass man den Geldbetrag, den man für die Nacht bezahlt oder spendet, davon abhängig machen kann, wie viel man zur Verfügung hat. In der Regel spenden die meisten Pilger circa 5 Euro, was etwa dem Durchschnittspreis der meisten Herbergen entspricht. 

Nachdem wir uns also einen Schlafplatz gesichert hatten, gingen wir zurück zu der schönen Herberge des Ortszentrums, in deren Restaurant wir ausgiebig zu Abend aßen. Wir probierten den "Snack der Königin", wie es die Spanier nennen, bestehend aus frittierten Kartoffelstücken, hauchdünnen, saftig blutigen Rindfleisch-Scheiben und groben Salzkristallen, ganz nach meinem Geschmack. 

Dem schönen Restaurant war ein großer Garten angeschlossen. Oli ließ mich von der Leine und ich machte die Bekanntschaft mit einer attraktiven spanischen Hündin. Wir flitzten zusammen über die Wiese und amüsierten mit unserem Getobe die Gäste.  


Patrick, Irene, Ich und Oli


Patrick, mein Pilger-Kumpel aus Rheinland-Pfalz


Irene und Patrick




Oli's Ablöse


Die Kathedrale von Burgos, übrigens seit 1984 UNESCO-Weltkulturerbe






"Der schwarze Pudding von Burgos"







 

Gute Nacht!



Heute Morgen (28.04.19) ging es mir nicht besonders gut. Ich hatte nicht sonderlich gut geschlafen und wachte bereits mit einem flauen Gefühl im Magen auf. Auch mein Frühstück ließ ich unbeachtet stehen. Oli merkte, dass irgendetwas mit mir nicht zu stimmen schien, packte mir mein Frühstück ein und versprach mir für heute eine leichte Tour. 

Nach einigen Kilometern spanischer Steppe und einem leichten Berganstieg erreichten wir gegen 10 Uhr ein Café, in dem wir Rast machten und sich Oli mit Bier und Kaffee stärkte. Mein Wohlbefinden hatte sich zwar leicht gebessert, mein Frühstück rührte ich aber immernoch nicht an.

Da Oli seine Wanderstöcke in den letzten Tagen irgendwo verloren hatte, fragte er die Kellnerin nach einem Paar, das vielleicht ein anderer Pilger dort gelassen hatte. Nach einigen Minuten kam sie tatsächlich mit einigen Fundstücken zurück, darunter zwei quasi neue Stäbe. Gerade als Oli sie auf seine Größe eingestellt hatte, tippte ihm eine ältere Dame auf die Schulter und verlangte ihre Stöcke zurück. Sie war selbst Gast in dem Lokal und hatte sie lediglich in der Ecke abgestellt. Oli war die Situation sichtlich unangenehm aber natürlich gab er der Frau ihr Eigentum an sie zurück. 

Wenig später begegneten wir ihr erneut auf unserer Strecke. Oli sprach sie erneut an und versicherte ihr, dass wir nicht vorhatten, ihr ihre Stöcke zu klauen, sondern, dass es sich um ein Missverständnis gehandelt hatte. 

Nach weiteren Kilometern durch die pralle Mittagssonne, auf denen mir Oli bereits meinen Rucksack abgenommen hatte, standen wir plötzlich vor einem Schild, das uns auf eine Herberge mit dem Namen "Oase" hinwies, die wir in 800m erreichen sollten. Die nächste Herberge würde weitere 5 Kilometer andauern. Ohne lange zu überlegen, machten wir uns auf Richtung "Oase". 

Dort erwartete uns eine wunderschöne Herberge mit einem Natursteinpool und einem kleinen Bachlauf. Wir nutzten die Gelegenheit und kühlten uns in dem kalten Wasser ab. Gerne wären wir hiergeblieben, doch war es erst früher Nachmittag und die nun etwas angenehmere Temperatur lud dazu ein, noch etwas mehr zu laufen. Mir ging es inzwischen auch deutlich besser.

Mit einem Cerveza to go und einem geeigneten großen Stock, den wir draußen am Ausgang fanden, ging es für uns weiter zur nächsten Herberge. 

Diese begrüßte uns, noch bevor wir uns die Frage überhaupt stellen konnten, bereits mit einem Schild, das darauf hinwies, dass Hunde ausdrücklich gestattet seien. Nach dem wir freundlich in Empfang genommen wurden und gemeinsam mit den anderen Pilgern zu Abend gegessen hatten, wurde uns ein Bett im Flur vor den Schlafsälen zugewiesen. Diesmal durfte ich bei Oli bleiben und musste für die Nacht nicht nach draußen oder in eine Kammer ausweichen. Zwar wurden wir ein wenig von den vorbeilaufenden Gästen gestört, konnten uns aber dennoch von den Strapazen des Tages ausreichend erholen. 







 





 

Heute Morgen (29.04.2019) waren wir beide nicht besonders fit. Mein Magen war noch immer nicht ganz in Ordnung und auch Oli wachte heute mit Unwohlsein und leichten Halsschmerzen auf. 

Trotz, dass uns die Leute, die sich im Flur ständig mit ihrem Gepäck an unserem Bett vorbeidrängten, etwas störten, ließen wir uns dennoch alle Zeit der Welt uns für den heutigen Marsch vorzubereiten. Wir frühstückten ausgiebig und machten uns um kurz nach 8 Uhr auf den Weg.

Die heutige Strecke ließ sich entspannt sehr gut laufen. Es gab keinerlei Komplikationen und uns beiden ging es mittlerweile zwar noch nicht ganz gut aber wieder wesentlich besser. 

Nach dem Anstieg auf den Tafelberg, trafen wir, oben angekommen, eine deutsche Krankenschwester wieder, die wir in der letzten Unterkunft bereits kennengelernt hatten. Sie gab mir eine Naturheilpille mit Hefekulturen für meinen Magen. Nachdem wir weitergegangen waren, merkte ich schon nach kurzer Zeit, wie sich mein Magen beruhigte und es mir deutlich besserging. Einige Kilometer später stießen wir auf ein wunderschönes, von Lavendelsträuchern mit Bienen umgebenes Pilger Hospital aus dem 14. Jahrhundert, verborgen in der Kirche San Nicolás. Gerne wären wir hier für die Nacht eingekehrt, bloß waren wir erst wenige Stunden unterwegs und wollten den Tag nutzen um noch etwas Strecke hinter uns zu lassen. Wir wollten uns nicht noch einen zweiten schwachen Tag erlauben, zumal es mir wesentlich besserging. 

Dennoch schauten wir uns das schöne Gebäude genauer an und blieben für ein Mittagessen in der Herberge. Bei leckerer Pasta, Käse und selbstgemachtem Wein auf Spendenbasis versuchte uns der Pilgervater zum Bleiben zu überreden. Er versicherte uns, dass auch ich erwünscht bin und sie für mich einen Schlafplatz haben. Wir erklärten ihm unsere Gründe und machten uns wenig später weiter auf den Weg.

Eine Brücke führte uns in das Innere des Ortes Itero de la Vega, den wir, ohne weitere Beachtung, zügig hinter uns ließen. Nach dem wir den Marsch durch die pralle Mittagssonne gut überstanden hatten, war in unserem heutigen Etappenziel Boadilla del Camino eine Unterkunft schnell gefunden. In einer Art tropischen Garten, der zusammen mit einem Pool der bauerhofähnlichen Unterkunft angeschlossen war, konnte mir Oli mit einem Gartenschlauch die Pfoten abwaschen. Anschließend gesellten wir uns zum Abendessen zu den anderen Pilgern, die ihren Abend ebenso in dem schönen Garten ausklingen ließen.

Bevor wir zu Bett gingen, spazierten wir für eine letzte Gassirunde noch einmal durch die Straßen von Boadilla del Camino. Während unserem Spaziergang trafen wir auf einen älteren Mann, der den Eindruck eines paramilitärisch angehauchten Veteranen machte. Der Mann fragte uns fluchend, in welche Richtung er laufen müsse um nach Burgos zu kommen. Oli gab ihm den Tipp, auf die Pfeile zu achten und schlichtweg in entgegengesetzter Richtung zu laufen. Weiter fragte er, ob es auf dem Weg ein Restaurant oder ein Geschäft gäbe, in dem er an etwas zu essen kommt. Wir empfohlen ihm diverse Bars auf dem Weg, in denen wir uns für einen Bocadillo eingefunden hatten. Auf diese Antwort reagierte er aufgebracht: "Verdammte Sch****, nichts Normales?! Ich bin diese Bocadillos so satt! Ich bin ein laufender Bocadillo!". Er sei heute schon 40 Kilometer gelaufen und müsse jetzt noch weitere 10 Kilometer gehen um an etwas zu Essen zu kommen. Wir hatten Mitleid mit dem Armen, amüsierten uns aber insgeheim über sein possenhaftes Auftreten. 






Fragt mich nicht was es mit dem umgedrehten Pentagramm im Fenster dieser Kirche auf sich hat... Es soll wohl die Kraft des Menschen repräsentieren, die die Kraft der Natur kontrolliert, oder so ähnlich...

 

Unheimlich dieser Ort...







Das Gipfelkreuz des Tafelbergs















 


 

Die Kirche Santa Maria in Boadilla del Camino



 



Ausgeschlafen starteten wir heute (30.04.2019) noch vor 7 Uhr hochmotiviert in Tag 15 unseres Jakobsweges. Schon auf den ersten Metern wusste ich mich gar nicht zu bremsen. Ich versuchte Oli zum Spielen und Toben mit mir zu animieren indem ich ihm pausenlos zwischen die Beine rannte, an seinem Gehstock festhielt, vor und zurück sprintete und auf jeden Stein und alles am Wegesrand herumliegende sprang. Der Tag startete unvergleichlich gut und wir erhofften uns, unserem Ziel heute einige Kilometer näher zu kommen. 

Gegen Mittag kehrten wir in einem Restaurant unmittelbar an der schönsten der drei Kirchen Santa María la Blancain Villalcázar de Sirga ein. Während ich mich im Schatten der Kirche ausruhte und interessiert den Störchen auf dem Kirchplatz zuschaute, unterhielt sich Oli mit einem französischen Pärchen. Die beiden waren begeistert davon, dass wir völlig losgelöst von detaillierten Plänen und Vorgaben über die nummerierten Etappenziele, jeden Tag aufs Neue entscheiden, wann und wo wir unser Etappenziel des Tages erreichen würden. Daher wiesen sie uns darauf hin, dass wir die nächste Ortschaft Carrión de Los Condes bereits in sechs Kilometern erreichen würden. Wollten wir noch weitergehen, würden uns weitere 17 Kilometer Steppe ohne jegliche Zivilisation erwarten bevor wir in Calzadilla de la Cueza wieder Chance auf Trinkwasser und eine Unterkunft hätten. 

Wir entschieden, zunächst bis nach Carrión de Los Condes zu laufen und dann zu schauen, wo wir die Nacht verbringen werden. Dort angekommen, versuchten wir in bestimmt zehn verschiedenen Herbergen, Hotels und anderen Arten von Unterkünften unser Glück. Alle waren entweder voll ausgebucht oder gestatteten keine Tiere. Somit wurde uns die Entscheidung, wie sich der Tag weiter entwickeln würde, schließlich vom Schicksal abgenommen. Wir bereiteten uns also auf weitere 17 Kilometer Fußmarsch oder eine Nacht unter freiem Himmel vor, kühlten uns noch einmal im Rio Carrión ab und deckten uns an einer Tankstelle am Ortsende mit ausreichend Trinkwasser, Käse, Wurst und einem sechs Kilo Sack Hundefutter ein. Schon nach kurzer Zeit standen wir vor einem Schild, dass die nächste Ortschaft in bereits 14 Kilometern ankündigte. Wir freuten uns, dass wir schon drei Kilometer geschafft hatten und die Zeit wie im Flug verging. Doch nach weiteren circa drei Kilometern kam erneut ein Schild, mit dem uns klar wurde, dass sich die Entfernung bloß auf die nächste größere Straße und nicht etwa auf einen Ort bezog. 

Ab dort wurde es anstrengend. Der Weg war eine alte Römerstraße, die als lange Gerade scheinbar unendlich ins Land zu reichen schien. Lediglich die Bäume, die wir vereinzelt am Wegesrand passierten, ließen uns daran glauben, dass wir uns unserem Ziel näherten. Die wenigen Brunnen, an denen wir vorbeiliefen, förderten kein Wasser mehr und selbst wenn, wäre es nicht trinkbar gewesen. Auch wenn wir ausreichend mit allem versorgt waren, ließ Oli der lange Weg immer einsamer und abgeschiedener fühlen. 

Meine Stimmung konnte heute nichts trüben. Ich war wie schon auf den ersten Kilometern noch immer hochmotiviert, sprang Oli zwischen die Beine und flitzte über die Wiesen während er sich mit den zusätzlichen sechs Kilo Hundefutter im Rucksack sichtlich zu quälen schien. 

Nach bloß zwei Stunden Marsch, die sich wie vier oder mehr anfühlten, waren wir in Calzadilla de la Cueza angekommen. Wir hatten unseren bisherigen Streckenrekord mit 43 Kilometern fürs Erste gebrochen. Das Schicksal schien nun aber Mitleid mit uns zu haben, denn schon in der ersten Herberge hatten wir Glück. In unserem Zimmer fielen wir erschöpft in unser Bett und konnten nur noch eine kurze Zeit den schönen Ausblick auf den Pool genießen, dessen Wasser vom Mond angestrahlt wunderschön glitzerte, bevor wir uns der Müdigkeit hingaben und tief und fest bis zum nächsten Morgen durchschliefen.  







Die Kirche Santa María la Blancain Villalcázar de Sirga


Noch 463 Kilometer bis zum Ziel, geht doch










 


 





Der 01.05.2019 gestaltete sich weniger spektakulär. Oli fühlte sich nicht besonders gut und auch die Suche nach einem geeigneten Schlafplatz war wieder nicht ganz einfach. 

Eine Herberge nach der anderen klapperten wir ab, doch es war wieder wie verhext. Entweder waren alle Betten belegt oder es wurden keine Tiere gestattet - das gewohnte Spiel. Auch der Campingplatz war wegen Überfüllung geschlossen. Nicht einmal unsere Hängematte schien noch Platz zu haben... 

Wir ruhten uns im Schatten eines Baumes aus, warteten bis die Mittagshitze nachließ und machten uns dann weiter auf die Suche. Ohne eine Ahnung, wo wir hingelangen würden, folgten wir weiter dem langen Feldweg. Auch als die Beschilderung irgendwann aufhörte, aber noch immer keine Ortschaft in Sicht war, liefen wir weiter. Irgendwann fanden wir uns neben einer Autobahn wieder, die zwar nicht den Anschein machte, dass wir uns auch auf dem richtigen Weg befinden, uns aber dennoch nicht aufhalten konnte. 

Schließlich hatte man Nachsicht mit uns, die Suche nach einem Schlafplatz gestaltete sich einfach und wir kehrten nach einem anstrengenden 38-Kilometer-Marsch in einer auf Spenden basierenden Herberge in Calzada del Coto zur Ruhe. 


 

 

 

 

 


Am 02.05.2019 erwartete uns ein kleines Frühstück bestehend aus Knäckebrot und leckerem Schinken bevor wir losliefen. Den Blick, mit dem man am meisten von den spanischen Köstlichkeiten abbekam, hatte ich mittlerweile drauf und so hatte auch ich keinen allzu schlechten Start in den Tag. 

Gegen 10:30 Uhr machten wir eine Rast in El Burgo Ranero und gönnten uns in einem netten Café eine ausgiebige Frühstückspause. Womöglich verleitete Oli auch das gute Wifi dort zu einem längeren Aufenthalt... 

Auch wenn die weitere Strecke wieder von eintönigen, uninteressanten Feldwegen dominiert wurde, freute ich mich über jede Pfütze, jeden Fluss oder Bachlauf in dem ich mich austoben konnte und so nicht nur mich, sondern auch Oli und die anderen Pilger amüsierte. 

Mittags durften wir für geschlagene 16€ den wohl teuersten Brokkoli-Teller probieren, der zumindest mir persönlich, nicht wirklich schmeckte. Ich bleibe da lieber bei spanischem Schinken. Das wäre Oli in dem Moment wohl auch lieber gewesen, trotzdem versuchte er sich zu freuen, auch mal etwas Gesundes nach dem ganzen Fleisch und Wein in den Bauch zu bekommen. 

Bei der ersten Herberge hatten wir noch kein Glück, bei der zweiten jedoch schon und ich durfte, nachdem ich ausgiebig mit den herumlaufenden Kindern gespielt hatte, unter einem Vordach im Garten schlafen. Auch hier hatte ich wieder jede Menge Fans, die mich für meine zugleich entspannte und verspielte Art liebten. 

Dass ich nachts nun öfter von Oli getrennt schlafen muss, macht mir mittlerweile auch nicht mehr so viel aus wie anfangs. Ich kann mich darauf verlassen, dass er mich direkt nach dem Aufstehen abholt und mich nicht allein lässt und so habe ich auch kein Bedürfnis mehr, ihn rufen zu müssen. 





Am 03.05.2019 befanden wir uns auf der Zielgeraden nach Leon. Auch wenn wir uns sehr auf das heutige Etappenziel freuten, war die Strecke eine wirkliche Qual. Oli's Füße ließen ihn die letzten 400 Kilometer langsam spüren, waren offen und leicht entzündet. Auch wenn ich heute viel auf ihn schaute und auf seiner Höhe blieb, konnte ich es trotzdem nicht bleiben lassen, ihn das ein oder andere Mal zu bitten, ein Steinchen für mich aufs Feld zu schmeißen. Das war heute nicht ganz so einfach. Die Strecke war wirklich keine schöne und führte permanent an viel befahrenen Straßen entlang. 

In Leon angekommen, liefen wir zunächst durch die Altstadt. Anders als in unserer Vorstellung, gab es nicht viele schöne Restaurants, sondern mehr Szene-Bars mit überteuerten Häppchen, die uns nicht sättigen und ohnehin zu teuer sein würden. Die Restaurants, die in Frage kamen, öffneten ihre Türen, ganz nach spanischer Mentalität, erst wieder um 20 Uhr. Also verbrachten wir den Nachmittag in einem Bier-Restaurant. Hier konnte Oli seinem Hobby nachgehen und die verschiedensten Biersorten aus aller Welt verköstigen. Für mich gab es einen Napf eiskaltes Wasser - auch nicht schlecht. 

Nachdem wir eine Weile durch die Stadt geschlendert waren, wurden wir schließlich auf einen wunderschönen Weingarten aufmerksam. Nach ein paar Gläsern ausgezeichnetem spanischen Wein, gab es für Oli einen riesigen Topf Kartoffeln, Eier und Blutwurst, der ganz danach aussah, ihn für die nächsten drei Tage satt machen zu können. Mir wollten die Kellnerinnen wieder Kartoffeln und Brot andrehen. Ich lehnte dankend ab, davon hatte ich mittlerweile genug. 

Mit einer Flasche Wein aufs Haus gingen wir zu unserer Herberge, in der wir das erste Mal auf unserer Reise so richtig ausschliefen. 












 




Auch den 04.05.2019 verbrachten wir noch in Leon. Oli's Füße brauchten einen Tag Pause und so hatten wir noch ein wenig Zeit, die Stadt zu erkunden. Nach fast 12 Stunden Schlaf, die für uns beide scheinbar nötig gewesen waren, machten wir uns gemütlich auf den Weg zu unserer Herberge für die nächste Nacht. Diese war direkt neben einem Einkaufszentrum gelegen. Dort fragte Oli einen Schuhmacher, ob er seine Stiefel reparieren könnte. Durch eine leichte Fehlstellung, hatten sich seine Sohlen mittlerweile so schräg abgelaufen, dass er die Stiefel nicht einmal mehr hinstellen konnte, ohne dass sie zur Seite fielen. Das schlechte Profil machte das Laufen wirklich unangenehm. Leider wusste ihm der Schuster auf die Schnelle nicht zu helfen, also entschied sich Oli kurzerhand, das Gummi schlichtweg mit seinem Messer etwas anzugleichen. 

Im Anschluss musste ich leider draußen warten, als sich Oli bei einem spanischen Bier-Brunch, wieder seiner Lieblingsbeschäftigung zuwendete. Dafür kam ich später auf meine Kosten, als ich im Hinterhof auf einer wilden Wiese Mäuse und Echsen jagen durfte. Dort genossen wir in der Sonne ungestört unsere Siesta.

Gegen 18 Uhr schlenderten wir für ein schnelles Abendessen noch einmal in die Stadt, Oli packte unsere Sachen und wir gingen früh schlafen um morgen fit zu sein und wieder ein paar Kilometer aufzuholen. 


Auch wenn uns die ersten Kilometer heute (05.05.2019) anfänglich wirklich Überwindung kosteten, merkten wir schnell, dass uns der Pausentag gutgetan hatte. Oli's Füße konnten sich erholen und die Schmerzen beim Laufen waren wieder erträglich. 

Das Wetter war gut, nicht zu warm oder kalt, kein Regen, leicht bewölkter Himmel und damit perfekte Laufbedingungen. Statt dem Camino Francés entschieden wir uns an diesem Tag für den Camino Primitivo, der uns nicht wie gewohnt an Autobahnen oder durch die spanische Steppe führte, sondern uns mit atemberaubenden Panoramablicken auf die Berge belohnte. Auch wenn wir so an weniger Restaurants und Geschäften vorbeiliefen und daher heute auf unser Mittagessen verzichten mussten, konnten wir dennoch ein schönes großes Bier genießen. Durch die guten Voraussetzungen, konnten wir unserem Ziel heute wieder 40 Kilometer näherkommen. 

Am späten Nachmittag kamen wir in der Herberge in Hospital de Órbigoan. Nachdem wir den Abend mit gutem Wein auf der Terrasse eines kleinen Restaurants ausklingen ließen, verbrachte ich die Nacht in dem Garten der Unterkunft. 













Am 06.05.2019 legten wir schon früh am Morgen die ersten Höhenmeter zurück. Auf dem Weg gab uns außerdem ein anderer Pilger einen wertvollen Tipp. Er empfahl uns die App "Buen Camino", was so viel bedeutet wie "guter Weg" und die Einwohner den Pilgern beim Passieren der Ortschaften wohlwollend zurufen. Die App ist ideal für Pilger, die zwar unabhängig der 32 Standard-Etappen reisen wollen, aber sich bspw. einer Herberge im Voraus sicher sein möchten. Gerade für uns beide ist das super. Viele Herbergen haben ein Hundeverbot oder sind schon voll belegt. In der App kann man schon im Vorfeld die Verfügbarkeit prüfen um so Zeit und Nerven zu sparen.

Auf dem Gipfel unseres Anstieges angekommen, entdeckten wir eine Art "Hippie-Camp" eines Peruaners. Mitunter bereitete er dort Regenwasser auf und bot es allen vorbeilaufenden Pilgern zum Auffüllen ihrer Trinkwasserreserven an.

So wenig begeistert wie wir von der Strecke zwischen Burgos und Leon waren, so gut gefiel uns der Weg aktuell. Die Stadt Astorga, durch die wir liefen war geprägt von zahlreichen kleinen Restaurants und Cafés mit unglaublichem Charme. Es wirkte als würden sämtliche Einwohner gemeinsam mit Pilgern in entspannter Atmosphäre auf den Terrassen bei einem Cappuccino oder spanischem Wein andere herumlaufende Leute beobachteten. Das ließen wir uns natürlich nicht entgehen. Bei einem kalten Bier, Brot und Schinken verbrachten wir die Mittagszeit gelassen auf einer solchen Terrasse in Astorga

Heute hatte ich meinen Glückstag: Nachdem Oli bedient war, brachte auch mir der Kellner einen riesen Eimer (ungechlortes!) kühles Wasser, ein Randstück Serrano Schinken und einen großen Knochen. Ich konnte mein Glück kaum fassen und stürzte mich nur so auf das leckere Fleisch. Der Kellner schien meine Begeisterung zu bemerken und kam noch ein zweites Mal mit einem weiteren Knochen zu mir. Ich konnte es nicht ganz herausschmecken, vermute aber, dass es sich um ein Schulterstück handelte.

Nach bereits fünf Kilometern erreichten wir Murias de Rechivaldo. Um attraktiver zu werden, hatte der Ort erst vor wenigen Jahren sein gesamtes Erscheinungsbild erneuert und verschönert. Die Straße, die durch den Ort führt, wurde verbreitert und der industrielle Teer durch schöne Natursteine ersetzt. Am Ende des Ortes befand sich die Herberge, die wir dank der besagten App im Vorfeld reservieren konnten. Wir gingen durch ein von Hand geschlagenes Holztor und hinter den Sandstein-Wänden der Unterkunft erwartete uns neben dem Geruch von Weihrauch und dem Klang alternativer Musik bereits Ariane, eine ältere Schäferhündin. Sie kam schwänzchenwedelnd auf uns zu und beschnupperte uns freundlich. 

Die Restaurants im Ort hatten am Nachmittag geschlossen. Zu unserem Glück bekamen wir auf unsere Nachfrage hin in der Herberge ein leckeres Thunfisch-Sandwich als verspätetes Mittagessen. Der Fisch war von unvergleichlicher Qualität und schmeckte uns beiden ausgesprochen gut. Auch das Abendessen, das wir zuvor gebucht hatten, war köstlich. Als Vorspeise gab es eine Broccoli-Creme-Suppe, in der mit Öl "Buen Camino" geschrieben stand. Als Hauptspeise eine vegetarische Paella und zum Dessert einen Käsekuchen spanischer Art. Da ich mit in den Speisesaal durfte, ergatterte ich, unter dem Tisch liegend, sämtliche Reste, die den Gästen "versehentlich" vom Teller fielen. 

Die Nacht verbrachte ich, gemeinsam mit Ariane, im Garten der Herberge














 

Da Oli blöderweise unsere Wasserflasche beim Frühstück stehenließ, durften wir den ersten halben Kilometer des 07.05.2019 gleich zweimal laufen. Als sich die folgenden Kilometer aber zu einer Gebirgsstrecke entwickelten, waren wir dann doch ganz froh, den Weg noch einmal auf uns genommen zu haben, denn durstig machte uns die Strecke allemal. Sie erinnerte Oli an jene Strecke vom Tal bis zum Watzmannhaus, die er mit Frauchen Nina im letzten Sommer auf dem Weg zum Gipfel der Berchtesgadener Alpen zurücklegte.

Nach einigen Kilometern am höchsten Punkt angekommen, erfuhren wir, dass dieser der höchste Ort des gesamten Camino Francés sei und man hier Gott am nächsten ist. Ein schöner Gedanke, der uns für unseren Endspurt noch einmal motivierte. 

Weitere zwölf Kilometer führten uns auf einem gratähnlichen schmalen Pfad entlang an wunderschönen Blumenfeldern, Schaf- und Kuhweiden durch eine atemberaubend schöne Landschaft. Auch die umliegenden Berge in der Ferne schienen von weiteren dichten Blumenwiesen bedeckt zu sein, denn sie schimmerten ebenso in gelb, blau und lila farbigen Tönen. Weiter unten im Tal sahen wir mächtig große Bäume, die mit dichten Moos-Mänteln behangen waren, ganz als würden sie sich mit ihrem Umhang vor der ein oder anderen kälteren Brise zu schützen versuchen.

Am Ende dieses Pfades erreichten wir das schönste Hotel des ganzen Jakobsweges. Wir hatten einen 8-Personen-Schlafsaal ganz für uns alleine und man verlangte von uns für das Bett, Dinner und ein Frühstücksbuffet nicht einmal 30€. Sogar den Wellnessbereich mit Whirlpool und Thermalbad hätte Oli nutzen können, hätten wir mehr Zeit gehabt. 

Bevor wir unser Zimmer bezogen, säuberte er mich im Garten, wo ich die Bekanntschaft mit zwei, nicht ganz so sympathischen Kangal-Hirtenhunden machte. Wir genossen noch eine Weile die wunderschöne Aussicht auf die Bergkulisse bevor wir uns in unseren Schlafsaal zurückzogen. 

 












 








Nach einer entspannten Nacht und einem stärkenden Frühstück brachen wir am 08.05.2019 gegen 9 Uhr auf. Der Abstieg führte uns wieder durch duftende Blumenfelder in die im Tal gelegene Stadt Ponferrada.

Auf dem Weg trafen wir wieder mehrere Pilger, mit denen wir uns auf Anhieb gut verstanden. Mit zwei Deutschen philosophierte Oli darüber, dass jede Begegnung im Leben einen Sinn hat. Wenn nicht für Dich selbst, dann für den anderen. Eine Schweizerin erzählte von ihrer Lehre zur Maler- und Lackiererin und dass sie sich seit dem mit Gemäldekunst über Wasser hält. Schon seit einigen Tagen fällt uns auf, dass umso näher wir dem Ziel kommen, die Gespräche mit anderen Pilgern immer interessanter und tiefgründiger werden. Viele nutzen die knapp 800 Kilometer um ihr vergangenes Leben noch einmal Revue passieren zu lassen. Durch Gespräche mit ihren Wegbegleitern kommen die meisten dabei schließlich zu neuen Erkenntnissen. 

In Ponferrada schauten wir uns die mittelalterliche Templerfestung Castillo de Ponferrada an. Die im Jahr 1178 von Tempelrittern gegründete Befestigungsanlage diente ursprünglich dem Schutz der Pilger auf ihrem Weg nach Santiago de Compostela. Seit 1924 ist die Burg denkmalgeschützt und dient als reine Touristenattraktion.

Im nächsten Dorf nach Ponferrada fanden wir eine Unterkunft in der wir die nächste Nacht verbringen würden. Wir aßen, leider recht schlecht, zu Abend und bezogen unseren Schlafraum. 

















 











Der 09.05.2019 gestaltete sich als einer der weniger schönen Tage unserer Strecke. Den Morgen verbrachte Oli mit dem Reinigen der Kammer, in der ich die vergangene Nacht verbringen durfte. Irgendwie schien mir das Abendessen von gestern auf den Magen geschlagen zu sein... Beschämt beobachtete ich ihn aus der anderen Ecke des Raumes.

Während unserer Rast am Mittag brachten mir die Kellner einen großen Topf Gulaschsuppe mit selbstgebackenem Brot, der mir wesentlich besser bekam. Selbst Oli war ein wenig neidisch auf mein Festmahl. 

Kurz darauf zog sich der Himmel zu und wir liefen schnurstracks in Richtung einer gewaltigen Regenfront. Auf scheinbar endlosen asphaltierten Wegen erreichten wir schließlich, vom Regen durchnässt, unsere Unterkunft in dem 25-Seelen-Dorf Ruitelán.

Mein Schlafplatz für die nächste Nacht war ein Teil eines Hühnerstalls. Schnell machte ich Bekanntschaft mit meinen Nachbarn und hatte tierischen Spaß dabei, die Hennen entlang des Zaunes zu scheuchen, wissentlich, dass ich sie nicht erreichen würde. 









10.05.2019

Da mir die Hühner nach einer Zeit dann doch zu langweilig wurden, schnappte ich mir Oli's Wanderstock, den er am Vorabend versehentlich bei mir stehen gelassen hatte, und kaute so lange genüsslich darauf herum, bis er schließlich in zwei Teile zerbrach. Blöderweise hätte er ihn gerade an diesem Morgen gut gebrauchen können. Der Boden war vom Regen des Vortages total durchnässt und schlammig und bereits die ersten Kilometer hinter Ruitelánging es recht steil bergauf. Starke Windböen taten ihr Übriges. Wie es der Zufall wollte, liefen wir auf etwa halber Strecke an einem Kiosk vorbei, in dessen Fenster ein Besenstiel zu klemmen schien. Als wir näherkamen, sahen wir, dass es kein Besenstiel, sondern ein nahezu völlig gerader Ast war. Dankbar nahm sich Oli den Stock als Hilfsmittel für die weiteren Höhenmeter. 

Auf dem Weg Richtung Hospital de Condesa passierten wir eine alte Statue, die uns vermuten ließ, dass der starke Wind wohl keine Seltenheit zu sein scheint. Die Figur zeigte einen Pilger, der sichtlich gegen den Sturm ankämpft.

Auf dem weiteren Weg unterhielt sich Oli unter anderem mit zwei französischen Damen, von denen eine erzählte, dass sich ihr Sohn einen Hund wünsche. Mit der Begründung, dass sie diesen nicht mit auf ihren, bereits geplanten, Jakobsweg mitnehmen könne, schlug sie ihm diesen Wunsch ab. Nachdem Oli und ich ihr beispielhaft beweisen konnten, dass der Jakobsweg mit Hund sehr wohl machbar ist, wird ihr Sohn seinen Wunsch wohl doch noch erfüllt bekommen. 

 Auf 1337m Höhe führte uns der Pass Alto do Poio vorbei an wunderschönen traditionellen Schieferdächern über die Orte FronfríaBiduedoAsPasantes, und Ramil schließlich nach Triacastela. Gerne wären wir noch länger in einem der zahlreichen Cafés der Fußgängerzone geblieben, bloß waren hier so viele Katzen unterwegs, deren Bekanntschaft ich machen wollte, dass wir uns dann doch dazu entschieden, die wenigen Kilometer weiter bis zu unserer Herberge zu laufen. Kurz vor dem Ziel, das seit 7 Tagen fest eingeplant war um einige organisatorische Dinge zu klären die meinen menschlichen Begleiter bewegten trafen wir Peter, einen weiteren Langzeit-Pilger. Er erzählte uns von seiner Farm an der tschechischen Grenze. Vor etwa zwölf Jahren hatte er sie aufgegeben, da er sehr unter den deutschen Grenztouristen litt und reist seit dem mit seinen zwei Hunden und lediglich einem Rucksack als Gepäck durch die Welt. Hinter Triacastela erreichten wir die Albergue Ecologico El Besoin A Balsa, welche sich als absoluter Geheimtipp für den umweltbewussten Pilger herausstellte und mir und zwei weiteren Hunden sehr wohl gesonnen war. Was diese Unterkunft von anderen unterschied, war definitiv die Speisekarte. Auch wenn es Vegetarier auf dem Jakobsweg mit den zahlreichen vegetarischen Bocadillos nicht schwergemacht wird, bietet diese Herberge ausschließlich vegetarische und vegane Gerichte in Bio-Qualität an. Da sich Oli immer um eine gesunde Ernährung bemüht und neben dem Fleischgenuss auch gerne fleischlose Alternativen ausprobiert, freute er sich sehr über das heutige vegane Abendessen. Als Vorspeise gab es eine leckere aber recht unspektakuläre Gemüsesuppe. Der Hauptgang bestand aus verschiedenem Gemüse, einer guten Portion Reis und selbstgemachtem Hummus. Das Highlight war hier veganer Käse aus Sonnenblumenkernen, der dem Gericht das gewisse Öko-Extra gab. Mousse au Chocolat und Orangentorte rundeten alles ab.